9. März 2007

Journalistisch arbeiten, aber wie?




JENS BURMEISTER berichtete auf einer Blickpunktseite über die Rente mit 67.
Länger arbeiten – aber wie? ,

lautete die Schagzeile und um es vorweg zu nehmen, die Frage wurde, wie so oft in der OZ, nicht beantwortet.
Dafür schwafelte er etwas von einem Generationenvertrag, den weder er noch ich unterschrieben haben:
Der Generationenvertrag von 1957 – geboren aus der Bismarck'schen Altersversicherung von 1889 – hat bislang die große Mehrheit der Senioren vor Armut bewahrt.
Heute wird die Rente mit 67 beschlossen. Die Kassen geben nicht mehr her. ...

Woher weiß das Burmeister? Wenn schon, dann müsste es heißen: ... geben die Kassen ab 2012 nicht mehr her’.
Wer maßt sich an vorherzusagen, was 2012 oder gar 2029 sein wird, wenn die sog. führenden Wirtschaftsforschungsinstitute nicht einmal die wirtschaftliche Entwicklung für ein Jahr prophezeien können und die dennoch unverdrossen von der OZ gemeldet wird. Daraus ergibt sich logisch, dass die Rente mit 67 eine Rentenkürzung ist, nichts anderes. Doch Burmeister schrieb:

Sie ist beschlossene Sache – die Rente mit 67. ... Befürworter sprechen von einem alternativlosen Schritt, Kritiker von einer Rentenkürzung. ...
Wenn Politiker keine Alternative anbieten können, sind sie keine Politiker, denn ohne andere Möglichkeiten ist politisches Handeln keines.
Dann käut Burmeister im übertragenen Sinn die altbekannten und widerlegten Argumente wieder, vielleicht, weil er keine anderen kennt.
Was sind Ursachen
für die Rentenkrise?
• Die Wiedervereinigung lastet bis heute schwer auf dem bundesdeutschen Rentensystem. Die ostdeutschen Senioren wurden
unmittelbar – wenn auch mit Abschlägen – in die westdeutsche Alterssicherung übernommen.
Aha, die Ostrentner sind schuld an der sog. Rentenkrise, nicht jene, die die deutsche Einheit schmiedeten. Unerwähnt bleibt, dass die größten Lasten der Vereinigung die sozialversicherungspflichtig Versicherten tragen müssen, um die Unternehmen zu schonen, während das Volkseigentum in Staatseigentum verwandelt und an Westunternehmen verscherbelt oder als Konkurrenz liquidiert wurde.
• Seit Jahrzehnten stagniert die Geburtenrate bei durchschnittlich 1,4 Kindern pro Paar. ...
Es ist nicht zu fassen! Dass weniger Kinder weniger finanziellen Aufwand bedeuten, ist Burmeister völlig entgangen, ebenso, dass es einen technologischen Fortschritt auch noch in sechs oder 20 Jahren geben könnte.
• Dennoch werden die Menschen immer älter. Pro Jahr steigt die Lebenserwartung um 30 Tage. Und mit ihr die Rentenbezugsdauer ... „Und Alterung frisst Produktivität“, setzt er warnend hinzu.
Was soll den das nun wieder heißen?
Erst zum Schlusss der Aufzählung (Warum?) kommt Burmeister zur – wie er selbst schreibt - Kernursache des Rentenproblems:

• Die radikalen Brüche der Erwerbsbiografien machen der gesetzlichen Rente schwer zu schaffen. Immer öfter sind sie durchlöchert von Arbeitslosigkeit, Teilzeit, Mini-Jobs oder Frührente. Hier liegt das Kernproblem der Rentenkasssen. Weniger im „demografischen Gespenst“, das Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), zuweilen in der politischen Debatte überstrapaziert sieht. ...
... und dennoch von der OZ wiedergegeben wird.
Ganz vergessen hat Burmeister zwei weitere Ursachen: die immer schlechtere Ausbildung junger Menschen und die Frage der Verteilung des Erwirtschafteten. Dazu die Diagramme von
www.jjahnke.net
oben!
... Habe ich im Alter eine
Chance auf einen Job?
... Derzeit ist die Not groß für Ältere auf dem Arbeitsmarkt. 40 Prozent aller Firmen beschäftigen keinen Mitarbeiter über 50. Gerade einmal zwölf Prozent aller Neueingestellten sind über 55. Nur jeder Dritte zieht bis 65 in seinem Job durch. Die Arbeitslosenquote der über 55-Jährigen ist mit 13 Prozent im Vergleich zu anderen europäischen Staaten unverhältnismäßig hoch.
Hätte Burmeister nicht nur eine Quelle genutzt, sondern Zahlen aus dem Verbreitungsgebiet der OZ, hätte er z.B. schreiben können, dass nur 2,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in M-V 60 Jahre oder älter sind. Aber wozu sollte der Mann seine Leser mit Zahlen langweilen, die der unmittelbaren Umgebung der Leser entstammen, wenn er doch das große Ganze beschreiben kann?
... Wie wichtig ist
private Vorsorge?
Etwas besser sieht es bei der privaten Vorsorge aus. Regierung, Banken und Versicherungen machen Druck. Die Botschaft der nicht mehr sicheren Rente ist angekommen: Nur noch jeder Vierte hat Vertrauen in das staatliche Rentensystem.
Hoffentlich ist der Dank der Banken für die Öffentlichkeitsarbeit der OZ bei Herrn Burmeister angekommen. Verdient hat das Blatt den Dank allemal.
Und nebenbei: Wer sollte glauben, dass private Altersvorsorge die Geburtenrate erhöht?

Schon sind acht Millionen Riester-Verträge unter Dach und Fach. Eine Vorsorge, die es auch Niedriglöhnern erlaubt, privat vorzusorgen. ...
Das ist Unsinn, weil es sich anhört, als handelte es sich um eine zusätzliche Vorsorge.

Zur Erinnerung:
Wäre die Riesterrente nicht eingeführt worden, hätte der Beitragssatz für die gesetzliche Rentenversicherung erhöht werden müssen. Statt wie bei der gesetzlichen Rentenversicherung Arbeitnehmer und Arbeitgeber den Beitrag je zur Hälfte aufzubringen, tun es nun mit der Riesterrente die Arbeitnehmer allein. Schon vergessen? Toller Journalismus!

Kein Wort verliert Burmeister darüber, dass die staatlichen Zuschüsse indirekt ein Förderprogramm für die Anbieter der Riesterrente sind, also für Privatunternehmen.

Ein Burmeistersches Interview ist überschrieben:
„Mit Betriebsrenten drohende Altersarmut verhindern“
Dass ich nicht lache! Wo bleibt der Hinweis, wie wenige Arbeitnehmer in M-V eine Betriebsrente erhalten? Das Gespräch mit der Professorin Michaela Willert vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften in Berlin ist geschenkt, weil mehrere Aussagen für den Osten gemacht wurden, die der Praxis wiedersprechen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.

Google